Donnerstag, 9. November 2017

Gegen das Vergessen

1938, heute vor 79 Jahren, war die Reichsprogromnacht.
Überall in Deutschland wurden ganz organisiert Juden überfallen. Synagogen niedergebrannt, Geschäfte geplündert. 
Die Judenhetzt hatte in Deutschland einen schrecklichen Höhepunkt erreicht.
Die Juden waren der Willkür des Staates ausgeliefert. 

79 Jahre ist nicht lange her und doch scheinen viele schon vergessen zu haben, was war. 79 Jahre und schon wieder stehen auf der politischen Bühne Menschen, die sagen, wir sollten stolz sein, auf die Leistung der Deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg. 
79 Jahre Demokratie. Das ist jung. Und daher sollten wir sie gut hüten und pflegen, damit nie wieder irgendein Mensch in Deutschland der Willkür des Staates ausgeliefert ist. 
Erst waren es die Juden, dann sind es die Flüchtlinge. Und danach? Die Dicken? Die Kleinwüchsigen? 
Wir alle sind Menschen. Wir alle fühlen, lieben, fürchten uns. 

Ich möchte Euch ein Buch vorstellen, die mich zutiefst bewegt hat. 

Marcel Reich-Ranicki (*1920 †2013), der größte Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts war Jude. Er wuchs in Berlin auf, liebte das Theater, verschlang die Klassiker deutscher Dichter und Denker. Als er 14 war, 1934, hörten die Freundschaften mit nicht-jüdischen Kindern auf, die vorher gang und gäbe waren. Bei Ausflügen und Sportveranstaltungen durfte er nicht mehr mitmachen. 
"An einen in unsere Klasse erinnere ich mich besonders gerne. Er war sympathisch und verhielt sich den Juden gegenüber tadellos. Als ich ihn zum ersten Mal nach dem Krieg wiedersah - er war inzwischen als Arzt tätig -, erzählte er mir, er habe 1940 in der Nähe des Stettiner Bahnhofs in Berlin inmitten einer von der Polizei geführten und bewachten größeren Anzahl von Juden unseren alten Mitschüler T. bemerkt. Er habe einen elenden Eindruck gemacht: "Da dachte ich mir, es wird dem T. sehr peinlich sein, dass ich ihn in einem so erbärmlichen Zustand sehe. Mir war es unangenehm, ich habe schnell weggesehen."
Ja, das trifft die Sache: Millionen haben weggesehen."

Mit 18 wurde er nach Warschau ausgewiesen. Bald darauf fiel Warschau und wurde anschließend in zwei Hälften eingeteilt. Das polnische Warschau und das Warschauer Getto. Er schildert diese Zeit und selten hat mich ein Buch so sehr berührt. Er schreibt es auf eine Art, das ich geschockt den Atem anhielt, weil ich nicht wusste, dass es *so* grausam war. So willkürlich. Da hebt der deutsche Soldat (auf den wir laut AfD so stolz sein sollen) sein Gewehr und knallt einfach ein Kind ab. Ohne irgendeinen Anlass. Das Kind lief einfach nur die Straße lang. 
Das ist kein Krieg mehr, das ist die Hölle auf Erden. 
Reich-Ranicki lernt im Getto seine Frau Tosia kennen und in allerletzter Minute können sie sich vor dem Abtransport nach Auschwitz retten. "So konnte er Tosia freilassen. Sie kam zu mir, aufgeregt und aufgelöst. Wie sie auf den "Umschlagplatz" geraten war und was sie dort erlebt hatte, wollte oder konnte sie mir nicht erzählen. Ich habe es nie erfahren. Nur glaube ich bis heute, dass die Krankheit, an der sie nach dem Krieg, zumal ab 1950, leiden musste, in jenen Stunden ihren Anfang genommen hat. Wer, zum Tode verurteilt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen hat, der bleibt ein Gezeichneter - sein Leben lang."

Jetzt liegt es an uns, nicht zu vergessen und jedem, der es nicht hören will, daran zu erinnern. Es liegt an uns, zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. 

Kommentare:

  1. Liebe Petrissa,
    ein sehr schöner und wichtiger Beitrag zum heutigen Tage. Ich kenne bisher nur die Verfilmung des Lebens von Marcel Reich-Ranicki, habe seine Biografie aber auch schon im Regal.
    Der Insel Verlag hat ein kleines Büchlein des Paares herausgebracht, das sehr eindringlich ist: http://www.suhrkamp.de/buecher/wir_sitzen_alle_im_gleichen_zug-teofila_reich-ranicki_19239.html
    Liebe Grüße, Anne

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    1. Liebe Anne,

      danke! Ich wollte eigentlich noch "Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen" vorstellen, weil mich das auch zutiefst beeindruckt hat. Aber da ich es nicht da habe, habe ich es gelassen. Kennst Du es schon?
      Oh, das vom Insel-Verlag werde ich mir gleich mal markieren, danke!

      Die Verfilmung kenne ich wiederum nicht.
      Im Buch hat mich auch sehr beeindruckt (oder eher gesagt geschockt), wie lange Reich-Ranicki, als er nach dem Krieg nach Deutschland kam, gebraucht hat, "in die Gesellschaft rein zu kommen", weil er immer wieder ausgeschlossen wurde.
      NMir tut es immer noch sehr leid, dass ich da Buch erst nach seinem Tod gelesen habe. Ich hatte so sehr das Bedürfnis ihm zu schreiben.

      Liebe Grüße
      Lilly

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    2. Nein, Lilly, das kenne ich nicht. Aber mir ging es mal bei Walter Kempowski ähnlich wie Dir. Er sagte mal, dass er es traurig fände, dass niemand mehr Tagebücher lesen würde. Ich hätte ihm gerne geschrieben, dass es doch noch solche Leser gibt, aber da war es auch schon zu spät.
      Liebe Grüße, Anne

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  2. Hallo Lilly,
    seitdem du den Post veröffentlicht hast, wollte
    ich dir geschrieben haben, wie toll und wichtig
    ich ihn finde.
    Das Buch nehme ich als Lesetipp für mich mit.
    Liebste Grüße, Hibi

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    1. Hallo Hibi,

      vielen Dank für Dein wundervolles Kommi! Der hat mir viel bedeutet, denn manchmal habe ich Angst, dass ich alle außer Anne mit dem Thema nerve.
      Liebe Grüße
      Lilly

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    2. Dass dem nicht so ist, sollte aus meinen Zeilen hervorgehen, liebe Lilly.
      Deine Angst kann ich in Ansätzen verstehen, da auch ich gern mal Bücher
      vorstelle, die abseits vom Mainstream sind und kaum bis gar keiner dazu
      kommentiert. Dabei sind es meist Bücher, die sich mit dem Krieg oder den
      Grausamkeiten - zu denen Menschen fähig sind - beschäftigen und selbst das
      Fiktive ist nah an dem Geschehen in der Welt.
      Liebste Grüße, Hibi

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    3. Liebe Hibi,

      ja, manchmal verunsichert mich das.
      Auf Facebook (da bist Du nicht, oder) poste ich viele Sachen zum Thema gegen Rechts. Da kommt echt fast nie ein Like. Und wenn, dann von meiner Freundin, die ich aus dem RL kenne.
      Aber ich werde trotzdem nicht aufhören. :D

      Ich danke Dir sehr für Dein Kommi. ♥
      Liebste Grüße
      Lilly

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Ich freue mich total, wenn Ihr mir ein Kommi da lasst und mir sagt, was Ihr über den Beitrag denkt. ♥ Ich antworte entweder hier oder bei Euch.
Liebste Grüße
Lilly